Was bedeutet der Begriff Sensei?

Was bedeutet der Begriff Sensei?

Sensei heisst übersetzt „Lehrer“, aber das Wort Sensei hat auch die Bedeutung von Respekt und Achtung.

Im Dojo habe ich über die Jahre immer wieder die Frage bekommen bezüglich der Qualifikation eines Sensei und was einen Sensei ausmacht, was ein Sensei ist. Das hat mich bewegt dieses Artikel zu schreiben und ich hoffe, dass ich euch damit behilflich sein kann.

Zuerst betrachten wir die Schriftzeichen für „Sensei“ (先生), welche uns ein besseres Verständnis für den Begriff gibt. Vielleicht kennt ihr das Zeichens „先” aus dem Wort „Senpai“. Sempai bedeutet „fortgeschritten“, „voraus“, „älter“, „zuerst“ usw. Aber was ist mit dem zweiten Zeichen aus Sen-sei „生“? Dieses bedeutet „Geburt“, oder „Leben“. Insofern bedeutet es wörtlich, dass jemand früher geboren wurde. Mit anderen Worten heißt das, dass dies eine ältere Person ist, als Sie selbst. Es verrät jedoch nichts über das Lebensalter, oder die Fähigkeiten dieser Person. Die japanische Auffassung besteht darin, dass man von denjenigen lernt, die älter sind als man selbst, da sie angeblich mehr Erfahrung haben und daher sind die älteren weiser. Diese Auffassung dürfte keinen überraschen, auch nicht, wenn man sich an die japanische Vorstellung des zeitlichen Vorranges erinnert, unabhängig davon, ob man damit einverstanden ist oder nicht.

Als Beispiel möchte folgendes anbringen: Wenn man in Japan in einer Firma eine neue Arbeitsstelle annimmt, wird dem neuen Kollegen meist ein Mentor zur Seite gestellt, welcher den neuen Kollegen in alles Notwendige einweiht und ihn am Arbeitsplatz betreut. So ist es in der gesamten Gesellschaft wie an Schulen oder Universitäten. (Leider geht auch das in der modernen japanischen Gesellschaft langsam verloren.)
Das Sempai (der ältere) Kohai (der jünge) haben wir auch häufig zwischen älteren und jüngeren Schülern im Karate. Zumeist sieht der ältere Schüler in dem jüngeren ein gewisses Potential und tut dann sein Bestes, um ihm weiter zu helfen auf dem Weg das Karatedo.
In Japan ist dieser Mentor also ein Senpai. Der Bedeutung nach ist der Senpai immer älter und erfahrener. Der jünge ist also der Kohai, aber wird nie mit Kohai angesprochen! das wird in Japan als unhöflich angesehen.

Also stellt sich nicht die Frage, ob ein jünger Lehrer als ich, mir etwas beibringen kann oder ob er mein Lehrer sein kann. Wir müssen nur die Auffassung von Zeit auf die Karate-Verhältnisse umstellen. Nehmen wir an, unser Lehrer hat vor zehn Jahren mit Karate begonnen und wir erst vor fünf Jahren. Damit ist er unser Senpai im Karate und wenn er uns regelmäßig im Dojo unterrichtet, dann ist er unserer Sensei. In einem Dojo zählt der Altersunterschied nicht und der zeitliche Vorrang hängt davon ab, wann man mit dem Karate angefangen hat. Ob dieser Sensei reif genug ist, um von uns geachtet zu werden und in der Lage ist uns auf einem Weg des Karate zu führen, ist dahingestellt.

Jeder, der im Karate-Unterricht vorne steht und das Training leitet, gilt als Sensei (Lehrer), unabhängig von seinem Grad (er kann auch einen gelben Gürtel tragen). Ob dieser qualifiziert ist zu unterrichten oder nicht, ist auch wieder eine andere Sache. Der entscheidende Punkt ist, dass der Lehrer begeistert genug ist, um das Wissen und die Kenntnisse, die er besitzt mit uns zu teilen. Wenn wir etwas von ihm lernen können, dann ist er unser Sensei. Wenn wir nichts von ihm lernen, dann müssen wir uns ein neues Dojo mit einem anderen Lehrer suchen. Wir erwarten von unserem Sensei das er mehr ist, als jemand, der uns nur beibringt wie man schlägt und tritt. Karate-Do ist mehr und wir haben Glück, wenn unser Sensei uns mehr beibringen kann.

Was können wir von einem Sensei erwarten der 25 oder 30 Jahre alt ist ? Manche können bereits sehr reif sein und vielen Jahre Training hinter sich haben, aber vielleicht mangelt es trotzdem an Lebenserfahrung. Habt also keine falschen oder zu hohen Erwartungen von einem jungen Sensei. Seine Verpflichtungen als Lehrer bestehen darin, in der Lage zu sein uns Karate-Techniken beibringen zu können. Das bedeutet, dass er diese Techniken zeigen und erklären kann. Auf der anderen Seite besitzen nicht alle fortgeschrittenen und älteren Lehrer diese Eigenschaften und Qualifikationen. Reife und Weisheit kommen nicht unbedingt mit dem Alter. Viele Lehrer verlieren ihre Form und wenn der Lehrer nicht in Form ist, um eine Technik vorzuführen, dann kann man das skeptisch für seinen eigenen Weg betrachten.

Wie man sich seinen Sensei aussucht ist jedem selbst überlassen. Jeder von uns hat unterschiedliche Erwartungen und Zielsetzungen im Karate. Ich hoffe für jeden Leser, dass er einen Sensei hat, mit dem er zufrieden ist und den Weg des Karatedo bestreiten kann.

Bemerkung:

Sensei und Senpai kann Mann oder Frau sein. Im japanischen ist dieser Begriff auf beide Geschlechter anwendbar.

Erfahrung:

In Japan wird es nicht gern gesehen, wenn man die Schriftzeichen Sensei auf seinen Karate-Gi trägt. Auch auf Briefköpfen, Visitenkarten oder dergleichen hat es nichts suchen. Als ich in Japan war und trainierte kam der Sensei (Lehrer) zu mir und belächelte den Schriftzug Tomasu Sensei auf meinem Karate-Gi. Ich fragte Ihn darauf hin, ob der Name nicht stimmt und er antwortete mir, dass es sich nicht gehört den Sensei darauf zu sticken. Als ich ihm darauf hin antwortete, das Schüler mit dem selben Namen und Karate-Gi Produkt im Dojo trainieren.... Sagte er OK- aber es macht einen schlechten Eindruck bei uns. Damit musste ich nun umgehen.

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